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17.11.2018 : 0:23

Historische Ersterwähnung im Jahre 1279

Eine der ersten Orgeln in Deutschland stand in Wetzlar

Zur ältesten Einrichtung des Domes gehörte auch eine Orgel, die erstmals im Jahre 1279 erwähnt wird, als nach einem Vergleich zwischen Stiftskapitel und Pfarrer die Feier der Festtage des hl. Egidius und der hl. Elisabeth in ecclesia nostra cum organis et canticis solempniter celebranda, d.h. in ihrer Kirche mit Orgel und Gesang feierlich begangen werden sollte. Damit dürfte Wetzlar eine der frühesten Orgeln in Deutschland besessen haben. Erste Orgeln sind nachweisbar in Erfurt (1226), Bonn (1230), Straßburg (1292).

Diese Orgel hatte ihren Platz im südlichen Querhaus und wurde bei ihrer Reparatur im Jahre 1474 als die große Orgel über dem Altar der Maria Magdalena bezeichnet. Zu dieser Orgel stiftete die Familie der Ritter von Bicken 1510 eine weitere Orgel, die an der Westseite des Kirchenschiffes über dem Altar des hl. Georg ihren Platz fand.

Nach vollzogener Reformation hatte man sich darauf geeinigt, dass die ältere große Orgel im südlichen Querschiff über dem Maria-Magdalena-Altar von der evangelischen Gemeinde, und die kleine Bicken-Orgel an der Westwand  von der katholischen Gemeinde genutzt wurde, wobei lange Zeit für beide Orgeln ein „Gesamt-Organist“ angestellt war. 1648 bat der Rat das Stiftskapitel um Zustimmung, die kleine Orgel über dem Georgsaltar in das südliche Querhaus zu versetzen. Nachdem dieses geschehen war, erbaute der Rat an der Westwand nach dem Bericht des Stadtschreibers Chelius im Jahre 1655 eine neue Orgel, so mit der Bühne 1000 Gulden gekostet, da die alte Orgel nicht mehr gangbar gewesen sei. Schon 1785 wurde das erst 130 Jahre alte Instrument durch eine große neue Orgel ersetzt, die von den Brüdern Stumm aus Rhauen-Sulzbach im Hunsrück erbaut wurde. Die kleine Bicken-Orgel wurde 1686 auf den Lettner übertragen. Nachdem diese von 1510 bis 1758 ihren Dienst getan hatte, wurde sie durch eine neue Orgel ersetzt, die der Scholaster Langstroff stiftete.

Im Rückblick auf die bisher dargelegte Geschichte der Orgeln ergibt sich folgendes Bild: Zunächst war die Kirche mit einer – großen – mittelalterlichen und einer – kleineren – spätmittelalterlichen Orgel versehen, von denen das ältere Instrument im Blickfeld der Gemeinde an der Ostwand des südlichen Querhauses platziert war, während die Orgel von 1510 ihren Platz an der Westseite des Domes hatte. Diese wurde 1648 auf Bitten des Rates an die Südwand des südlichen Querhauses transferiert und an ihre Stelle trat 1655 die von Chelius erwähnte frühbarocke Orgel mit der Orgelbühne. Die „nicht mehr gangbare“ älteste Orgel ist noch auf dem Frontispiz des gegen 1751 erschienenen Evangelischen Gesangbuches zu erkennen, die also erst nach diesem Zeitpunkt abgebrochen wurde. Der Installation der Orgel von 1655 an der Westwand, also im Rücken der evangelischen Gemeinde, entspricht die Übertragung der „Bicken-Orgel“ auf den Lettner, die sich damit im Rücken der katholischen Gemeinde befand. Es verdient festgehalten zu werden, dass erst diese Anordnung der Orgeln den Tatbestand zweier gleichsinnig hintereinander gelegener Kirchenräume unter einem Dach schafft, der für die nächsten zwei Jahrhunderte beibehalten wird.

Die evangelische Gemeinde beanspruchte nicht nur eine der beiden vorhandenen Orgeln, sondern auch Teile der stiftseigenen Messgerätschaften für die Gestaltung ihres Gottesdienstes. Davon erfährt man unter anderem durch den Vertragsentwurf vom 6.10.1568, der diesen Punkt zwischen den Gemeinden zu klären sucht: Zum Andern, das auch Dechant und Capitul Einem Erbarn Rat zween Kelch über den sie bisher empfangen, handreichen und folgen lassen sollen, damit dieselbige zur Administration der Heiligen Sakramenten von ihren Praedicanten gebraucht werden mögen.

Die große Renovation des Schiffes hatte auch auf katholischer Seite zu einigen Neuerungen geführt, die besonders die Orgel auf dem Lettner betrafen. Die 1758 errichtete Langstroff-Orgel sollte gegen 1840 durch eine neue Orgel ersetzt werden. Sowohl das Orgelwerk als auch das Gehäuse bedurfte dringend der Erneuerung. Es heißt in einer damaligen Notiz: Das Orgelgehäuse, von Würmern stark angefressen, obgleich es noch längere Zeit stehen kann, macht auf der Rückseite nach dem Schiffe der Kirche, in welchem die evangel. Gemeinde zu bestimmten Stunden Gottesdienst hat, einen unangenehmen Eindruck.

Bei der Neuplanung ging man davon aus, dass aus Kostengründen die dem Schiff zugekehrte Seite mit „Blindpfeifen“ versehen werden sollte. Die bisherige Orgel hatte bis 1831 beiderseitig „sprechende Pfeifen“, so dass man von unten nicht sehen konnte, welches die Vorder- und welches die Rückseite war. Bei der damaligen Reparatur wurden die Pfeifen von der Rückseite wegen Kosteneinsparung weggenommen und in die Vorderseite, weil die Orgel erweitert wurde, gesetzt bzw. im neu angelegten Positiv verwendet. Mit den Blindpfeifen sollte zur Seite des Schiffs hin optisch der gleiche Zustand wie früher hergestellt werden. Dass sie aus Holz und farbig angelegt waren, konnte von unten nicht gesehen werden.

Gegen diese Art der Gestaltung wandte sich das Presbyterium als unerlaubte Neuerung. Die katholische Seite entgegnete, obgleich hier kein Einspruchsrecht bestehe, wolle man doch, um jede weitere Auseinandersetzung zu beenden, auch die Rückseite der neuen Orgel mit sprechenden Pfeifen bestücken, um den alten Zustand optisch wieder herzustellen, denn wenn die dem Schiff zugewandte Seite der Orgel glatt bleiben müsse, sähe diese aus wie ein Holzkasten, der unangenehm auf das Schönheitsgefühl wirkt.

Ein weiteres mit der neuen Orgel auftretendes Problem war die Anbringung von Kammern für die Blasebälge auf dem Lettner. Es fehlte hier an dem notwendigen Platz, so dass der Baumeister Stephan vorschlug, dass auf jeder Seite des Gewölbes über dem gemeinschaftlichen Pfarraltar noch zwei Bögen, den Steinen ähnlich, aufgeführt werden könnten, um Harmonie herzustellen. Nachdem die Bauaufsicht keine Einwände erhob, wurde der Lettner nach beiden Seiten durch Holzkonstruktionen erweitert.

Die Fertigstellung der neuen Orgel auf dem Lettner wurde 1848 bestätigt. Für das Jahr 1893 aber liegt bereits wieder ein Kostenvoranschlag der Orgelbau-Anstalt mit Dampfbetrieb Johannes Klais, Bonn am Rhein vor, die zum Preis von 10.000 Talern eine neue Orgel anbietet, die dann auch errichtet wird. Der Orgelprospekt füllt die gesamte Breite des Raumes über dem Lettner aus. Über das Aussehen der bei der Renovation von 1903-1910 ebenfalls umgestalteten Orgel schreibt Professor Gloel: Der Aufbau der 1909 auf dem Lettner aufgestellten Orgel der kathol. Gemeinde ist gotisch gehalten; er ist mit Bildern der Könige David und Salomon und zwei knienden Engeln geziert und reich vergoldet.

Die alte Orgel der evangelischen Gemeinde vom Jahre 1655 war um 1800 noch vorhanden und wurde dann abgebrochen, während die Orgel der Gebrüder Stumm 1787 im Barockstil erbaut wurde. Ihr Orgelgehäuse wurde von zwei Urnen und dem Adler des Wetzlarer Wappens gekrönt. Hinter der Orgel befand sich seit 1907 eine gemalte Vorhangdraperie unter einer Königskrone. Damit wurden die noch sichtbaren Freskenreste des 13. und 14. Jahrhunderts überdeckt.

Die Bombenschäden vom März 1945 trafen vor allem den Chorbereich des Domes, dessen Polygon und der Lettner sowie die katholische Orgel völlig zerstört wurden.

Die Wucht der Detonation zerstörte auch die evangelische Orgel an der Westwand des Schiffes total.

Quelle: “Der Dom zu Wetzlar – Erbe und Aufgabe“

Text: Franz Schulten, Wetzlar

Vertrieben durch den Dombau-Verein e.V.